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Heimatkundlicher Spaziergang durch Niederaschau, 4. Juli 2011

Rucker_HansSehr großen Anklang fand der "Heimatkundliche Spaziergang", zu dem der Heimat- und Geschichtsverein am 4. Juli 2011 eingeladen hatte. Unter den ca. 60 Teilnehmern, die sich pünktlich um 18:00 Uhr an der Pfarrkirche Aschau einfanden, waren neben vielen Einheimischen auch einige Feriengäste zu begrüßen.

Der Rundgang führte uns zu den folgenden Stationen:

- Kirchplatz
- Leitenweg und Schulstraße
- Dorflinde
- Kirchstraße
- Prienbrücke

Niederaschau_Kirchplatz_1923Der Kirchplatz war noch bis Anfang des 20. Jhdt. das Dorfzentrum von Niederaschau. Zahlreiche Geschäfte und Gewerbebetriebe waren hier angesiedelt. So lässt sich die Geschichte des "Kramers zu Niederaschau" (heute Haus Lehner) bis zum 16. Jhdt. zurückverfolgen. Über den Kirchplatz führte auch die Hauptdurchgangsstraße von Frasdorf nach Sachrang und Bernau. Im ehemaligen Resthof (heute Ertl) befand sich die Posthalterei, bis zum Jahr 1927 konnte man mit der Postkutsche (im Winter mit dem Postschlitten) nach Sachrang fahren. Auch der Aschauer Markt wurde alljährlich bis 1955 am und um den Kirchplatz abgehalten, erst danach wurde er aufgrund einer Anordnung des Landratsamtes zur Schulstraße verlegt. Reges Geschäftsleben herrschte auch in den um die Kirche angeordneten Läden ("Sonntagsläden"), die letzten wurden auf Betreiben des Pfarrers Hupfauer im Jahr 1929 beseitigt. Bis 1889 befand sich der Friedhof von Niederaschau bei der Pfarrkirche. Einige kleine Reste sind noch am östlichen Ende der Kirche zu finden. Den Gefallenen der napoleonischen Kriege und des Krieges von 1870/71 sind jeweils Kriegerdenkmäler gewidmet. Kleine Anekdoten durften natürlich nicht fehlen. So erzählte Hans Rucker über alte Rechnungen des "Kramers zu Niederaschau", auf denen ein Posten "Pariser" aufgeführt war. Nachforschungen ergaben, dass es sich nicht um Kondome (umgangssprachlich "Pariser") sondern wohl um eine Zigarrensorte handeln musste.

Am Leitenweg waren drei Anwesen von Interesse. Die ehemalige Bäckerei Stangl. Hans erzählte, wie sie als Schulbuben die wohl etwas beleibte Stangl Leni immer auf die Staffelei jagten, um "für ein Fünferl" Bärendreck, grüne oder gelbe Guat'l (je nachdem, was gerade ganz oben war) zu erstehen ("Saubuam!"). Das ehemalige Anwesen Obermeier, der, da er um seine Geschäftsgrundlage als Schmid fürchtete, den Wagner Göser durch Überlassung eines Grundstückes, durch finanzielle Hilfe und durch seine Tochter als "D'reingab'" dazu überredete, hier in Aschau zu bleiben und sich eine Existenz aufzubauen. Im heutigen "Cafe Schaller" befand sich bis nach dem Krieg ein Schreibwarengeschäft, das von einer Großtante von Josef Hobelsberger betrieben wurde. Diese Dame muss dem Vernehmen nach so schlank gewesen sein, dass man quasi durch sie hindurchsehen konnte. Von den Schulkindern wurde sie deshalb nur die "Durchsicht" genannt. Unter dem Leitenweg fließt auch der Hammerbach durch, ein Bach, der von seiner Quelle bis zur Mündung in die Prien in einem künstlichen Bett fließt, und der immer gewerblich genutzt wurde, auch heute noch, da er das Elektrizitätswerk an der Högermühle antreibt.

Rucker_Hans_2Weiter ging es über die Schulstraße ("Benefiziatenhaus", "Doktorhaus" und Villa "Zillibiller") zum Platz, an dem die Dorflinde steht und an dem sich ehemals der Dorfbrunnen befand. Hans Rucker zeigte uns ein altes hölzernes Wasserrohr und sprach über die Wasserversorgung von Niederaschau. Im Jahre 1897 wurde eine Wasserversorgungsgemeinschaft gegründet, die zum Ziel hatte, die Wasserversorgung von Niederaschau aus der Quelle am Fellerer sicherzustellen. Sogar einen eigenen Berufsstand zur Herstellung von Wasserleitungsrohren gab es damals. Zuständig war der "Wasserleitungsbohrer", der mit Hilfe von langen Bohrern ca. 5 Meter lange Teilstücke herstellte.

Niederaschau_nach_dem_Brand_1882Vorbei an den Anwesen "Rest", Andrelang und "Mesner" ging es den Kirchberg hinunter. Hans Rucker erzählte über den großen Brand von 1882, bei dem 10 Anwesen in Niederaschau bis auf die Grundmauern abbrannten. Ein zuvor von der Kirnerbäuerin abgewiesener bettelnder Handwerksbursche hatte dieses Feuer aus Rache gelegt. Weiter ging es am Gebäude der ehemaligen Molkereigenossenschaft Aschau vorbei zur Staatsstraße nach Frasdorf. Diese Straße wurde erst 1962 zusammen mit der neuen Prienbrücke gebaut, vorher quälte sich der gesamte Verkehr über der Kirchenberg. Hier fiel auch - wohl aus Versehen - die einzige Bombe während des zweiten Weltkrieges in Aschau, und zwar in den Schweinestall der Molkereigesellschaft. Da das eine Phosphorbombe war, die mit Wasser nicht zu löschen war, blieb nichts anderes übrig, als diese einfach ausbrennen zu lassen. Die Kinder machten sich damals einen Spaß daraus, von Zeit zu Zeit die Abwurfstelle aufzusuchen, um festzustellen, ob es noch nach "Schweinsbraten" riecht.

Prienbruecke_1882Die letzte Station des Rundganges war die Prienbrücke und das ehemalige Haus "Stephan". Die große Überschwemmung des Jahres 1899 machte die Regulierung der Prien notwendig, vorher lief die Prien ungezügelt in mehreren Wasserarmen durch den Ort. Dazu wurde die "Prien-Korrektionsgenossenschaft" gegründet, deren Aufgabe es unter anderem war, entsprechende Schutzmassnahmen einzuleiten, und erforderlichen Mittel und Lasten gerecht zu verteilen. Je nach Gefahrenlage wurden alle Grundstückseigentümer abgestuft mit entsprechenden Abgaben belastet. Für den Hochwasserschutz sind heute die Wasserwirtschaftsämter zuständig.

Hans Rucker verstand es - wie immer - fesselnd und lebendig zu erzählen, auch der Humor kam natürlich nicht zu kurz. Noch lebendiger und authentischer wurde der Vortrag durch die Diskussionen und durch die Beiträge der anderen anwesenden Zeitzeugen, die selbst auch noch den einen oder anderen gekannt haben, über die der Rucker Hans erzählt hat. Alles in allem eine gelungene Veranstaltung.

Fortsetzung im nächsten Jahr folgt.

Bilder zum "Heimatkundlichen Spaziergang"

Weiterführende Hinweise und Informationen finden Sie in den folgenden Quellenbänden:

Quellenband VI Haus- und Hofgeschichten der ehemaligen Gemeinde Niederaschau (derzeit vergriffen)
Quellenband XVI Gewerbe, Handwerk, Zoll