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Was man so in Archiven findet und was sich daraus entwickeln kann – Mariko Okada und Yoshishige Yoshida – japanische Filmstars in Aschau.

Das Erinnerungsstueck 1Für mich begann die Geschichte irgendwann vor einigen Jahren – ich kramte wieder mal im Archiv des HGV und fand ein geheimnisvolles Dokument. Japanische Schriftzeichen, handschriftliche japanische Ergänzungen, eine Bleistiftnotiz „Japanische Hochzeit in Aschau, Datum unbekannt“. Die Namen - Mariko Okada und Yoshishige Yoshida – waren mir genauso unbekannt. Also das Dokument wieder gut aufgehoben im Archiv. Einige Zeit später bekam ich Ilse Gossners Buch über die „Aschauer Sängerinnen“ in die Hand. Darin berichtete Ilse über die „japanische Hochzeit“ im Juni 1964, bei der sie mit ihrer Schwester Gisa gesungen hatte. Ein OVB-Bericht darüber war beigefügt. Es muss ein ziemlich großes Aufsehen in Aschau gegeben haben, einige Aschauer Freunde erinnerten sich plötzlich wieder, als Zaungäste dabei gewesen zu sein.

Inzwischen befragte ich auch das Internet, das bekanntlich über alles Bescheid weiß, und mein Erstaunen wuchs. Yoshishige Yoshida, ist ein sehr bekannter Regisseur Japans, ein Mitglied einer Gruppe von Filmleuten, die „Shōchiku Nouvelle Vague“ oder „Japanese New Wave“ (Japanische Neue Welle) genannt wurden, in Anlehnung an die Nouvelle Vague im Frankreich der 60er und 70er Jahre. Im „Harvard Film Archiv“, das 2009 eine Retrospektive für Yoshida und Okada bereitete, steht dazu folgendes: „Eine legendäre Figur des japanischen Nachkriegsfilms, Kiju Yoshida, geboren 1933, ist einer von Japans ambitioniertesten, politisch klügsten und einflussreichsten Filmemachern. Yoshida ist bekannt für sein Werk mit der faszinierenden Mariko Okada, geboren 1934, einer der beliebtesten und gefeiertsten Schauspielerinnen ihrer Generation und einer der größten Stars der japanischen Neuen Welle. Mit Okada zusammen schuf Yoshida einen unglaublichen Filmbestand, der beispiellos ist in seiner formalen Raffinesse, seiner philosophischen Tiefe und seiner schieren Schönheit. Nicht genug geschätzt in diesem Land*, wird Yoshida (der nach der alternativen Aussprache seines Namens auch als Yoshishige Yoshida bekannt ist) in Japan und Europa und besonders in Frankreich zu den überragenden Meistern der modernen japanischen Filmkunst gezählt...“

Yoshida arbeitete seit 1960 als Regisseur, Okada seit 1955 als Schauspielerin. 1962 entstand ihr erster gemeinsamer Film und nach dessen Erfolg heirateten beide 1964 und schufen seit dieser Zeit eine „bemerkenswerte Sammlung von 13 Filmen über 40 Jahre“ (Harvard Film Archiv). Die ersten Filme Yoshishige Yoshidas mit Mariko Okada – „Anti-Dramen“ genannt – beleuchten kritisch die Rolle der Frau als Opfer und Objekt im japanischen Melodram, später wandten sie sich Themen aus der neueren Geschichte Japans zu in Filmen wie „Eros + Masssacre“, „Coup d’etat“ und „Women in the Mirror“, dem letzten von Yoshida gedrehten Film, der sich um den Atombombenabwurf von Hiroshima dreht. Yoshida stellte diesen Film 2002, wie auch einige der früheren, beim Filmfest in Cannes vor.

Mariko Okada hat auch mit anderen Regisseuren gedreht, z.B. auch „Tampopo“ von Juzo Itami 1985, der auch in Deutschland gezeigt wurde, trat aber vermehrt seit den 80er Jahren in TV-Filmen in Japan auf. Ihren letzten Kinofilm drehte sie wohl 2012, in Fernsehproduktionen taucht sie auch noch 2015 auf.

Mariko Okada und Joshishige Joshida bei der Hochzeit 1964 in Aschau Das also fand ich beim Stöbern im Internet. Und vergaß erst mal einen Teil. Und dann Anfang Januar 2015 fiel mir das Blatt wieder in die Hände – Wolfgang Bude war grad dabei – und einem von uns fiel auf: „die hatten ja letztes Jahr Goldene Hochzeit!“ Der Zufall wollte es, dass einige Tage später BM Solnar bei der Vorstandssitzung des HGV anwesend war und unserem Fund sofort Interesse entgegen brachte. Die beiden Filmleute sollten – wenn auch mit Verspätung – zur Goldenen Hochzeit nach Aschau geladen werden. Das Problem Adresse wurde sehr schnell gelöst – die japanische Frau eines Freundes rief auf der Stelle ihre Schwester in Tokyo an. Diese entpuppte sich als Filmfan – die beiden Namen waren ihr wohlbekannt - Mariko Okada ist in Japan immer noch eine durch ihre TV-Filme bekannte Persönlichkeit – und sie brauchte nur Stunden, um die Adresse herauszufinden. So erkannten wir erst, welche Berühmtheiten wir da vor 50 Jahren in Aschau gehabt hatten!

Alles Weitere blieb in den Händen der Touristinfo. Ein Brief an das Paar wurde geschrieben, die Antwort kam schnell. So erfuhren wir, dass Okada und Joshida schon 2014 unerkannt in Aschau gewesen waren, um ihre Goldene Hochzeit zu feiern. Die Einladung der Gemeinde noch einmal zu kommen, wurde aber angenommen, und so erschienen sie im Juli in Aschau, das die berühmten Gäste gebührend empfing. Was alles für sie vorbereitet worden ist, will ich jetzt nicht auch noch erzählen, alles lässt sich in Presse und Fernsehen nacherleben.
Runde mit den Aschauern in der Residenz Heinz Winkler Foto Herbert Reiter
Ich hatte die Ehre, am Samstag, dem 9. Juli den HGV auf der Terrasse der „Residenz“ beim Kaffee mit Mariko Okada und Yoshishige Yoshida zu vertreten. Beide über 80jährig, erschienen sie sehr wach und interessiert. Die Trachtenkinder tanzten, der 2. Bürgermeister Max Pfaffinger und Tourist-Info-Chef Herbert Reiter überreichten den nachgebundenen Brautstrauß, Gisa Obermaier und Ilse Gossner ließen sich überreden, ohne Probe zu singen. Die Verständigung hatte einige Haken und Ösen – Herr Yoshida beherrscht wohl die französische Sprache besser als die englische, aber mit englisch-französisch Gemisch seinerseits, englisch Übersetzung durch Petra Knickenberg, einigen Englischresten der Aschauer Runde und Händen und Füßen ging die Stunde sehr nett zu Ende.

Zum Schluss möchte ich Sie auffordern, auch einmal im Internet nach diesem berühmten Paar zu suchen – auf YouTube finden sich Interviews vor allem mit Herrn Yoshida und etliche Schnipsel aus Filmen der beiden, alles meistens in englischer Sprache oder mit englischen Untertiteln. Alle meine Recherchen haben bisher nur ergeben, dass der eine oder andere Film im Original mit englischen oder französischen Untertiteln zu haben ist. Ich persönlich bin entschlossen, mir einen Yoshida-Film –wie auch immer – zu besorgen, denn die Sachen, die ich sehen konnte, haben mir sehr gut gefallen.

Wer allerdings Mariko Okada in Aktion sehen will, hat etwas weniger Probleme – der Film „Tampopo“ von Juzo Itami ist auf DVD auch mit deutscher Übersetzung zu haben. Frau Okada spielt darin in einer nicht sehr langen, aber sehr köstlichen Szene eine Dame, die japanische Schülerinnen in der „vornehmen Art, Spaghetti zu essen“ unterrichtet. Der ganze Film ist sehenswert, wie wär’s, Filmriss-Leute, wäre das nicht ein Film für euch?

Ingrid Stegherr

*gemeint sind die USA