Aktuelles

Rezension

red Titel Hickl Buch

„Schöne Heimat“, Heft 4 2016, Hrsg. Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e.V.

Bude, Wolfgang: „Der Lehrer von Stein.“ Vom Leben der Menschen im oberbayerischen Priental (1908-1927).

Aschau i. Chiemgau (Heimat- und Geschichtsverein Aschau i. Chiemgau) 2015.

232 Seiten mit ca. 300 Abb., € 17

Stein ist eine kleine Ortschaft im oberbayerischen Priental an der einzigen Verbindungsstraße zwischen Aschau im Chiemgau und Sachrang. Um den schulpflichtigen Kindern im Priental den Schulweg zu verkürzen - im schlechtesten Fall wären es sieben Kilometer einfach gewesen -, errichtete man im Jahre 1908 ein Schulhaus in Stein. Es war bis 1969 in Betrieb. Erster Lehrer und Schulleiter dort war Max Hickl (1883-1969) aus Rosenheim. Seine Dienstwohnung befand sich in dem von Architekt Franz Zell im so genannten Heimatstil geplanten Schulhaus. 19 Jahre lang unterrichtete Hickl in Stein sieben Jahrgangsstufen in einer einzigen Klasse mit durchschnittlich 30 Schülern. Am Ende ihrer Schulzeit nahmen sie außer den Kenntnissen im Lesen, Schreiben und Rechnen auch ein von ihm selbst verfasstes, 70 bis 100 Seiten starkes „Heimatbuch" mit in ihr weiteres Leben, worin die Kulturgeschichte des Prientales in Text und Bild festgehalten war.

Um Material dafür zu erheben, hatte Hickl Zeitzeugen wie die 76-jährige Anna Feistl in die Schule eingeladen. Sie verarbeitete am Spinnrad Schafwolle zu Garn, während sie erzählte. Ihre Erinnerungen reichten bis in ihre Kindheit in den 1850er Jahren zurück. Anschaulich illustriert wurden die Heimatbücher mit Repros aus Hickls Dunkelkammer. Zusammen mit den Schülern legte Max Hickl auch einen großen Mustergarten für Obst und Gemüse an. Gegen Ende des Schuljahres verließ er jeweils für einen Tag mit seinen Schülern die Enge des Tales, um die umliegende Bergwelt mit den Almen und Höhlen im Aberg- und Laubensteingebiet zu erkunden. Hickl war begeistert von den technischen Neuerungen seiner Zeit. Er bestellte modernste Bauteile, ließ sie per Postwagen in das entlegene Tal befördern, montierte sie am Wasseranschluss in der Küche und erhielt dadurch bereits 1917 eine autarke Stromversorgung der Schule. 1924 nahm er in der Schule in Stein das allererste Radiogerät des Prientales in Betrieb und veranstaltete Rund- funkgeräte - Vorführungen. Hickl fuhr auch das erste Motorrad der Gemeinde Sachrang (1925). Den Fotoapparat benutzte der Städter Hickl, um seine neue Umgebung zu dokumentieren. In der Zeit des Ersten Weltkriegs produzierte er in seiner privaten Dunkelkammer Ansichtskarten (so genannte Wohlfahrtskarten), aus deren Erlös er große Summen für die Kriegsfürsorge spendete. Seine fotografischen Fähigkeiten wurden bald auch vom Schlossherrn von Hohenaschau für das Cramer-Klett'sche Familienalbum in Anspruch genommen. Nachdem Konsul Kotzenberg, ein Frankfurter Kaufmann und Wahl-Prientaler, der Schule 1921 einen Lichtbilderapparat gestiftet hatte, organisierte Hickl in der Schule Vorträge zur allgemeinen Volksbildung, etwa zum Thema Essbarkeit von wilden Pilzen - ein hochaktuelles Thema angesichts der kurz zuvor durchlebten Zeit der Lebensmittelknappheit. In Lichtbildervorträgen zeigte Hickl den Prientalern ein Abbild ihrer eigenen Heimat.

Wolfgang Bude, pensionierter Touristiker der Gemeinde Aschau und 2. Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins seit 1984, sichtete den Nachlass Hickls und brachte dazu über den Verein diesen broschierten Band heraus. Durch den reichen Schatz an Bildern, die Max Hickl fotografierte, und die detaillierte Beschreibung der Lebensumstände im Priental im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ist der Band eine Fundgrube für Heimat- und Technikgeschichtsforscher.

Einführend gibt Bude auf Grundlage des Physikatsberichts von 1861 einen Überblick zu Leben und Arbeit im Priental des 19. Jahrhunderts. Weitere mögliche Quellen, wie Joseph von Hazzis „Statistische Aufschlüsse" oder Felix Dahns „Bavaria", bleiben unerwähnt. Dann schildert Bude die Entstehung der Schule in Stein und Max Hickls dortige Zeit. Zwei eigene Kapitel widmet er zwei wesentlichen Arbeiten Hickls, dem „Heimatbuch" der Schüler sowie dem „Tagebuch" der Schule (1907-1926), in dem auch regionale Katastrophen (wie Überschwemmung und Morddelikt) vorkommen. Die wenigen abgedruckten Ausschnitte aus dem „Heimatbuch" der Schüler verfeinern das vom Physikatsbericht gezeichnete Bild. Ja, viel mehr: Durch die „Oral History" der Gewährspersonen wird Vergangenheit lebendig und durch die Quellenangabe fundiert. Die Auszüge machen neugierig auf das Ganze im Original. In einem 100 Seiten starken Anhang folgen Dokumente und eine große Auswahl der inzwischen digitalisierten Fotografien Hickls (ca. 1000 Glasplatten). Die Aufnahmen erlauben einen ganz besonderen Einblick in die Vergangenheit des Prientales: Sie zeigen Personen, Kleidung, Häuser in Außen- und Innenansichten, sie dokumentieren Interieurs und Wandschmuck ebenso wie Tischsitten oder Weihnachtsbrauchtum, sie stellen das Leben der Adelsfamilie Cramer-Klett dar und typische Szenen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Mit diesem Band setzte Wolfgang Bude für Oberbayern die „Reihe" der Monografien über ländliche Amateurfotografen zu Beginn des 20. Jahrhunderts fort; Wolfgang Bückner hatte bereits über einen Dorffotografen im fränkischen Vasbühl bei Schweinfurt publiziert, Johann Kirchinger und Richard Stadier machten mit einem Band auf Ferdinand Pöschl im niederbayerischen Haimelkofen, Landkreis Straubing-Bogen, aufmerksam. Wolfgang Bude erhielt für seine Publikation und sein umfangreiches „kulturell - heimatpflegerisches Lebenswerk im Priental" den Sachrang-Preis 2015.

Für den Sachranger Kulturwissenschaftler Georg Antretter war das Buch Anstoß zu einem neuen Projekt, einer Medientrilogie zu Franz Zell, dem Architekten des Heimatstils, der das Schulhaus von Stein entworfen hat.

Michaela Firmkäs