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Fahrt nach Augsburg (TIM), 10. September 2010

Augsburg, den zweiten Ausstellungsort der Bayerischen Landesausstellung 2010, besuchte der Heimat- TIMund Geschichtsverein am 10. September 2010. Die Fahrt führte uns zunächst ins Staatliche Textil- und Industriemuseum, in dem die Füssener Ausstellung unter dem Titel „Sehnsucht, Strand und Dolce Vita“ fortgesetzt wurde. Dargestellt werden bayerisch-italienische Beziehungen ab Beginn des 19. Jhdt. bis heute unter dem Leitmotiv „Sehnsucht“, wobei die italienischen Einflüsse in unser Alltagsleben besonders herausgearbeitet werden.
Das Neue Bayern und das neue Italien (1806-1866)
Wie wäre es, wenn der Gardasee zu Bayern gehören würde? Diese schGardaseeeinbar hypothetische Frage wurde schnell schon zu Beginn der Führung beantwortet, denn tatsächlich war Südtirol nach der Erhebung Bayerns zum Königreich durch Napoleon von 1806 bis 1810 ein Teil des Königreichs Bayern, wurde jedoch nach den blutigen Aufständen von 1809 wieder entzogen. Die Ansicht von Torbole am Gardasee stammt von Ludwig Gebhardt und wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jhdt. gemalt. Die Gebäude der Bayerischen Landgerichte und Rentämter waren durch aufgemalte Wappen des Königreichs kenntlich gemacht. Das abgebildete Wappen ist eine Rekonstruktion nach einer restaurierten Originalwandmalerei am Domplatz in Brixen.

Sehnsucht nach Schönheit, Leidenschaften eines Königs (Ludwig I.)Ludwig I.
König Ludwig I. war der bayerische Herrscher mit den innigsten Beziehungen zu Italien. Insgesamt verbrachte er dort sechs Jahre. Ludwig I. entwickelte sich zum großzügigen Kunstmäzen und leidenschaftlichen Kunstsammler. Er ließ zahlreiche Werke der Antike und der Renaissance für seine Museen in München ankaufen. Er betätigte sich als Bauherr, seine wichtigsten baulichen Unternehmen waren: die Glyptothek (Sammlung antiker Plastiken), die Alte Pinakothek oder, außerhalb Münchens die Walhalla. Er hielt sich oft und längere Zeit in Italien auf, nicht nur der Kunst und Kultur wegen, sondern auch der Liebe zur schönen Marchesa Marianna Florenzi.
Sehnsucht nach Sonne und Erholung Tourismus)Strand
„Dolce far niente“, „dolce vita“, strahlendes Wetter und auch die Kultur: das zog und zieht die Urlauber aus Bayern nach Italien. Seit dem eigentlichen Beginn des Massentourismus in den 1950er Jahren hat die ständige Verbesserung der Verkehrsverbindungen, gefördert durch den Bau von Autobahnen und Eisenbahn- oder Flugverbindungen, die Entfernungen schrumpfen lassen. Der Tourismus ist längst zum harten Geschäft geworden, die in der Mitte des 20. Jhdt. beginnende, damals noch beschauliche Campingidylle ist Bettenburgen und straff organisierten Strandbädern gewichen.

Sehnsucht nach einem besseren Leben (Arbeitsmigration)
Die saisonale Arbeitsmigration von italienischen Arbeitern nach Deutschland hat eine lange Tradition. SGastarbeitereit Mitte des 19. Jhdt. wurden sie bevorzugt im Eisenbahn- und Straßenbau, später auch im Baugewerbe und zur Ziegelherstellung eingesetzt. Als nach dem zweiten Weltkrieg, bedingt durch die vielen Kriegstoten, ein Mangel an Arbeitskräften zum Wiederaufbau bestand erlebte Deutschland in den 1960er Jahren einen Gastarbeiterboom, der besonders durch das 1955 mit der italienischen Regierung abgeschlossene Anwerbeabkommen gefördert wurde. Die Arbeitsverhältnisse waren zumindest in der Anfangszeit schwierig. Dies war im Wesentlichen auf die oft unzureichenden Wohnverhältnisse, hauptsächlich in Baracken, und die schlechte Bezahlung zurückzuführen. So hatte ein Dreher für Maschinenbauteile 1956 einen Stundenlohn von DM 1,67. Erst in den 1960er Jahre begann sich aufgrund des Familiennachzuges die Lage zu bessern. Das Bild zeigt die Ankunft des Brennerexpress am Münchner Hauptbahnhof um 1960. Die „Münchner Illustrierte“ schreibt dazu: „Jeden Morgen um acht steigen am Münchner Hauptbahnhof 300 bis 350 italienische Gastarbeiter aus dem Schnellzug Rom – München.“

Sehnsucht nach Mobilität (Roller und Automobile)
Wer kennt sie nicht, die Vespa, die bis heute noch in abgewandelter Form weitergebaut wird, und die damals wie heute Kultstatus erreicht hat. Die Vespa wurde um 1946 „erfunden“ und ab 1950 zuerst von Jakob Oswald Hofmann in Lizenz gebaut. Nachdem dieVespasem wegen nicht genehmigter Modifikationen der Lizenzvertrag gekündigt wurde, wurde die Produktion von den Messerschmittwerken in Augsburg übernommen. Die Vespa wurde dort in den Jahren 1954 bis 1963 gebaut. Auf dem Bild ist eine Vespa 150 GS2 aus dem Jahre 1956 zu sehen.
Auch die BMW Isetta ist italienischen Ursprungs. Von Renzo Rivolta 1954 konstruiert half sie dem damals in finanziellen Schwierigkeiten steckenden BMW Konzern über die Runden zu kommen. Nach einigen Konstruktionsänderungen (anderer Motor, zwei Hinterräder) wurde sie 1955 der Öffentlichkeit zu einem Preis von DM 2.580 vorgestellt. Zwischen 1955 und 1962 wurde die Isetta über 160.000 mal verkauft.

Streben nach Macht (Krieg und Gewalt)
Die Gräuel des ersten Weltkrieges werden in der Ausstellung beispielhaft an der Schlacht um den Col di Lana Weltkriegin den Dolomiten dargestellt. Der Berg war zwischen Österreichern und Italienern heftig umkämpft und bekam von den Italienern den Namen „Col di Sangue“, „Blutberg“. Die Schlacht endete mit der Sprengung des Gipfels durch die Italiener, wodurch die Einnahme durch die Österreicher verhindert werden konnte. Ein Zeitzeuge schreibt dazu: „Ich habe Erfahrung von fast allen Kriegsschauplätzen, ohne Russland und Rumänien, kenne die große Materialschlacht als einer der wenigen Überlebenden aus dem siebenwöchigen Kampf bei Douaumont Thiaumont im Sommer 1916. Mein Urteil darf damit Anspruch auf Sachverständnis erheben. Was wir am 4. August auf unsere knapp 100 qm Raum an Feuer bekamen, Feuer aller Kaliber, war auch bei Verdun nicht ärger, größer aber relativ die Verluste, mehr als 50 Prozent tot, der Rest bis auf 3 oder 4 Mann alle verwundet“.

Jenseits von Sehnsucht (Faschismus und Nationalsozialismus)
Mussolini war Hitlers großes Vorbild, seine Büste befand sich auf seinem Schreibtisch, er versuchte ihn zu Hitler und Mussolinikopieren, Symbole und Rituale, wie der Hitlergruß wurden übernommen. Hitler war jedoch in den Augen Mussolinis suspekt, seine Rassentheorien lehnte er zunächst ab. Nach dem Beginn des zweiten Weltkrieges trat Italien an der Seite Deutschlands in den Krieg ein, als sich das Kriegsglück scheinbar auf der Seite der Deutschen befand. Nach einigen militärischen Niederlagen, u. a. in Ägypten und Griechenland und nachdem die Alliierten in Sizilien gelandet waren, wurde Mussolini abgesetzt. Er floh zunächst, wurde aber am Comersee von Partisanen gefangen und am 28. April 1945 hingerichtet. Vorher hatte Italien mit den Alliierten einen Waffenstillstand geschlossen. Während der nachfolgenden Besetzung Nord- und Mittelitaliens durch deutsche Truppen kam es zu Massakern an Soldaten und Zivilisten (z. B. Marzabotto 29.9. -1.10.1944, Sant‘ Anna di Stazzema 12.8.1944).
Das Bild zeigt Hitler und Mussolini vor dem Originalglobus vom Obersalzberg.

Sehnsucht nach modischer Eleganz (Mode)Mode
Im Ausstellungstext heißt es dazu: „Die Italienische Mode genoss und genießt in Bayern hohes Ansehen. In Modeschauen in München und anderen bayerischen Orten stellten in den 1950er/60er Jahren italienische Modeschöpfer der Spitzenklasse (Alte Moda) wie Emilio Schuberth oder Jole Veneziani ihre Kreationen vor. Aber auch der für ein breiteres Publikum entworfene Boutiquestil geht auf sie zurück. Viele Urlauberinnen nutzten außerdem den Aufenthalt in Italien, um elegante italienische Kleidung und Schuhe zu kaufen.“

Sehnsucht nach dem Geschmack des Südens (Obst und Südfrüchte)
Zu Beginn des 20. Jhdt. hatten die Importe aus dem Süden Ausmaße erreicht, die die ursprünglichen EEispreise 1960inrichtungen, die Schrannenhalle und den Viktualienmarkt, sprengten. Daher beschloss der Magistrat von München den Bau der „Großmarkthalle“, die im Jahre 1912 eingeweiht wurde.  Die Firma Mario Andretta, seit 1900 bis heute in München ansässig, war eine der ersten Firmen, die von der Schrannenhalle in die neue Großmarkthalle umzog.
Gerne lassen wir uns auch von italienischen Eisspezialitäten verführen, wobei ein wehmütiger Blick auf die Preise von 1960 gestattet sein muss. Die Eishersteller selbst stammten meistens aus Norditalien, wie der „gelataio“ Peter Paul Sarcletti. Seine Familie verwöhnt seit 1879 bis heute in der vierten Generation die Münchner ihrem Eis.

Streben nach dem Sieg (sportliche Begegnungen)
Bayern und Deutschland sind reich an sportlichen Begegnungen, die inzwischen, wie Franz Beckenbauer sagen würde, „Klassiker“ sind. Denken wir nur an die immer spannenden Fußballduelle oder die „Exportartikel“, wie Michael Schumacher, Helmut Haller oder Giovanni Trapattoni, dem ersten und einzigen Italiener, der eine deutsche Bundesligamannschaft trainiert hat.

Die sehr schöne und logisch aufgebaute Ausstellung, die liebevoll ausgesuchten Exponate, die geradePizzeria für die Älteren einen hohen Wiedererkennungswert besaßen und nicht zuletzt die lebendige und kenntnisreiche Führung haben bei allen Teilnehmern einen tiefen Eindruck hinterlassen. Sie hat gezeigt, dass Italien längst in Bayern angekommen ist, und wir Namen, wie Agip, Illy , Fiat oder Generali in unser tägliches Leben aufgenommen haben. Im letzten Bild, wie es sich in jeder beliebigen Pizzeria befinden könnte, lässt sich König Ludwig II. zu einem Glas Rotwein eine Pizza schmecken. Dies soll ein versteckter Hiweis auf die Landesausstellung 2011 sein, die sich im Schloss Herrenchiemsee unter dem Thema „Götterdämmerung König Ludwig II“ unserem „Kini“ widmet.
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