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Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit 1939 bis 1945 im oberen Priental

Wie um alles in der Welt kommt man dazu, sich mit einem Thema wie Kriegsgefangenschaft im oberen Priental zu beschäftigen? Diese Frage drängte sich  zumindest dem Chronisten  auf, als er das Thema des Novemberstammtisches des Heimat- und Geschichtsvereins das erste Mal sah. Doch der Reihe nach.

Gefangene beim Eisschneiden am BeerweiherDer November Stammtisch fand am 9.11.2010 im gut besuchten Nebenzimmer des Gasthofs Baumbach statt. Herr Dr. Feldmann stellte in seiner kurzen Einführung die Referentin Frau Marianne Willer vor. Sie ist derzeit die Vorsitzende des Vereins „Prientaler Bergbauernladen“ und zeichnet mitverantwortlich für „Bauernland und Bauersleut“, einer Gemeinschaft von Bäuerinnen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, vom Landleben und von Hofalltag einst und heute im Rahmen von Wanderungen („Bavarian Walking“) zu erzählen. Die Motivation, sich mit dem Thema „Kriegsgefangene“ zu beschäftigen entstand im Zuge der Recherchen zum Quellenband XIII der Aschauer Chronik, in dem Frau Willer für den Teil „Landwirtschaft im Priental“ verantwortlich zeichnet. Insbesondere im Abschnitt „Landwirtschaft im oberen Priental im Spiegel der politischen Zeitgeschichte“ trifft man zwangsläufig auf die Zeit des Nationalsozialismus und man muss sich damit auch mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern auseinandersetzen. Frau Willer erschien dieses Thema so interessant, dass sie beschloss, sich noch besonders damit auseinander zu setzen.

Sie präsentierte das Ergebnis ihrer Recherchen, z. B. im Aschauer Gemeindearchiv, sowie die Ergebnisse der Befragungen von Zeitzeugen. So erfuhren die Zuhörer, dass der Niederaschauer Bürgermeister Nikolaus Peteranderl sich bereits 1941 an die Obrigkeit wandte, und um die Zuteilung von französischen Kriegsgefangenen bat, da sich bereits zu diesem Zeitpunkt ein Großteil der arbeitsfähigen männlichen Bevölkerung im Krieg befand, und daher besonders im landwirtschaftlichen Bereich akuter Arbeitskräftemangel herrschte. So entstand bei der Schießstätte ein Gefangenenlager, in dem die zugeteilten Franzosen mehr oder weniger hausen mussten. Nach und nach wurden weitere Lager eröffnet, z. B. in Huben, im Klausgraben (hier waren Amerikaner interniert), in der „Hubersäge“ und an weiteren Orten. Das Tagesablauf der Gefangenen und der Umgang mit ihnen waren streng reglementiert, wobei je nach Herkunft der Gefangenen unterschiedliche Richtlinien galten. So waren Gefangene aus dem Osten, insbesondere Russen, aus rassistischen Gründen zu Menschen zweiter Klasse degradiert, und sie mussten auch so behandelt werden. Die Gefangenen durften keine öffentlichen Veranstaltungen besuchen, sie durften sich auch nicht ohne Genehmigung der Polizei aus dem Ort entfernen.

Der Vortrag wurde untermauert durch zahlreiche Dokumente und Berichte von Zeitzeugen, die von Frau Willer vorgetragen wurden. Besonders lebendig wurde die damalige Zeit durch die Erzählungen von anwesenden Zeitzeugen. So berichtete Hans Rucker zum Beispiel über „seinen“ Holländer, der während der Kriegszeit als Gärtnergeselle in der elterlichen Gärtnerei in Haindorf gearbeitet hat, und über das gut nachbarliche Verhältnis mit den „Franzosen“ der umliegenden Bauernhöfe. Max Pfaffinger erzählte vom Tauschhandel mit den am Klausgraben internierten Amerikanern (Seife gegen Brot).

Alles in Allem ein gelungener Abend, in dem ein Stück Aschauer Geschichte jenseits der Herrschaft Hohenaschau aufgearbeitet wurde.