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Prinzregent Luitpold und seine Zeit

prinzregent_luitpoldDer Heimat- und Geschichtsverein lud am 5. April 2011 zu einem Vortrag zu Prinzregent Luitpold ein. Herr Dr. Feldmann wies in seiner Begrüßung auf den „nahtlosen“ Anschluss an den Vortrag vom 21. März von Frau Dr. Hamm zur Landesausstellung 2011 hin, die ja bekanntlich König Ludwig II. gewidmet ist. Anlässlich des 90. Geburtstages des Prinzregenten wurde in Aschau die „Luitpoldeiche“ vor der heutigen Grundschule gepflanzt, eine Erinnerungstafel wies auf dieses Ereignis hin. Im Zuge der diversen Schulumbauten wurde die Eiche gefällt und die Tafel vom Heimat- und Geschichtsverein sichergestellt. Nunmehr ist geplant, wieder eine Eiche zu pflanzen, und die Tafel wieder anzubringen. Herr Dr. Feldmann bat in diesem Zusammenhang um eine kleine Spende, da für diese Aktion ein Betrag von ca. € 700 erforderlich ist, der angesichts der allseits klammen Kassen schwer aufzubringen sei.

Anschließend begrüßte Herr Dr. Feldmann den Referenten des Tages, Herrn Andreas Scherrer. Herr Scherrer hat Geschichte studiert und ist in seiner Eigenschaft als Mitglied des Hauses der Bayerischen Geschichte für diverse Internetauftritte verantwortlich, die sich mit dem Königreich von 1806 -1918, dem Bayerischen Parlament und dem Thema „Zerstörung und Wiederaufbau“ befassen. Diese Internetauftritte sollen noch in diesem Jahr online gehen.
Herr Scherrer Begann seinen überaus interessanten und reich bebilderten Vortrag mit der allseits bekannten Einleitung zur Fernsehserie „Königlich Bayrisches Amtsgericht“, in der von Gustl Bayrhammer „die gute, alte Zeit“ beschworen wird:

„Es war eine liebe Zeit, die gute alte Zeit vor anno 14. In Bayern gleich gar. Damals hat noch Seine Königliche Hoheit der Herr Prinzregent regiert, ein kunstsinniger Monarch. Denn der König war schwermütig. Das Bier war noch dunkel, die Menschen warn typisch; die Burschen schneidig, die Dirndl sittsam und die Honoratioren ein bisserl vornehm und ein bisserl leger. Es war halt noch vieles in Ordnung damals. Denn für Ordnung und Ruhe sorgte die Gendarmerie und für die Gerechtigkeit das Königliche Amtsgericht.“

Eine bessere Einleitung hätte es zum Thema nicht geben können, werden hier doch einige Klischees beschworen, die dann auch im weiteren Vortrag näher beleuchtet und teilweise auch widerlegt wurden. Demzufolge nahm Herr Scherrer auch gleich eine Titeländerung vor, und so war das Thema seines Vortrages weiter gefasst, nämlich „Prinzregent Luitpold und seine Zeit“.

Luitpold JugendbildIm Abschnitt „Die königliche Familie in der Zeit Prinzregent Luitpolds“ wurden die Kindheit, die Jugend und die militärische Laufbahn Luitpolds beschrieben. Luitpold war ja nicht, wie es für den Hochadel üblich war, in die Kavallerie sondern in die „niedere“ Artillerie eingetreten, wo er es bis zum Generalfeldmarschall brachte. Als drittgeborener Sohn Ludwigs I. hatte Luitpold wenig Aussicht, einmal den Thron zu besteigen, trotzdem ließ ihm sein Vater eine umfassende Ausbildung angedeihen, damit Luitpold für den Eventualfall gerüstet wäre. Luitpold musste immer wieder, auch schon zu Lebzeiten seines- sehr oft kranken - Bruders Maximilian II, einspringen. Er war es auch, der am 3. September 1870 den „Kaiserbrief“ an Wilhelm II. im Auftrag seines Neffen Ludwig II. überreichte. (Jugendbild © HdBG, www.hdbg.de)

luitpold-1911Im Abschnitt „Der Tod Prinzregent Luitpolds am 12. Dezember 1912“  ging Herr Scherrer auf das letzte Lebensjahr und die feierliche Beerdigung Luitpolds ein. So war es ihm beispielsweise nicht mehr möglich, an der Fronleichnamsprozession oder am Oktoberfest teilzunehmen. Diese beiden Festlichkeiten waren immer geradezu Pflichttermine für Luitpold gewesen.

Der Prinzregent als „des Königreichs Bayern Verweser“ für König Ludwig II. und König Otto, so lautete der Titel des nächsten Abschnittes. Hier wurde – noch einmal – der mysteriöse  Tod Ludwigs II. und die Rolle Luitpolds thematisiert. Anfänglich wurde Luitpold die Schuld am Tod Ludwigs gegeben, viele öffentliche Protestaktionen fanden deshalb statt. Dies war vielleicht auch der Grund dafür, dass Luitpold seinen zweiten Neffen Otto nicht ebenfalls entmündigen ließ. So blieb er Zeit seines Lebens nur der „Reichsverweser“.

Luitpold verstand es – anders als Ludwig II. – auf die Menschen zuzugehen. Und so wurde im nächsten Abschnitt seine Rolle als „Integrationsfigur“ beleuchtet. So besuchte er immer das Oktoberfest, er nahm als gläubiger Katholik an der Fronleichnamsprozession – eine Kerze tragend – teil, zu seinen Ehren wurden zahllose Postkarten (auch zu Sammlerzwecken) veröffentlicht. Er liebte, es einfach gekleidet sich unters Volk zu mischen, sein Zigarrenkonsum war legendär. Seine große Leidenschaft war die Jagd. Hier nahm er auch aktiv an der Pirsch teil, und ließ sich nicht wie andere das Wild vor die Flinte treiben.

„Politik unter Prinzregent Luitpold“, so lautete der Titel des nächsten Abschnitts. Luitpold war im Grunde ein unpolitischer Mensch, und so verwundert es nicht, dass die politischen Geschäfte einerseits von der „Geheimkanzlei“, andererseits vom erstarkenden Parlament und den Ministerien, angeführt von Johann von Lutz und später Crailsheim und Georg von Hertling geführt wurden. Die Geheimkanzlei war besetzt mit Staatsbeamten und war die Schnittstelle zwischen dem Königshaus und dem Parlament. Zu Zeiten Ludwigs II. noch als „Kabinetssekretariat“ übermächtig in die Staasgeschäfte involviert, behielt es unter Luitpold als Geheimkanzlei weitestgehend als „Nebenregierung“ seinen Einfluss.

Im nächsten Abschnitt „Bevölkerung, Wirtschaft, Technik und Wissenschaft in der Zeit Prinzregent Luitpolds“ erläuterte Herr Scherrer den Aufstieg Bayerns vom reinen Agrarstaat zum mehr und mehr industriell geprägten Staat. Zur Jahrhundertwende waren noch ca. 50% der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt. Durch die entstehende Großindustrie (z.B. Siemens, MAN oder BASF) wuchs die Zahl der Arbeiter. Die Sozialdemokratische Partei, deren Anteil an den Parlamentssitzen im Jahre 1887 noch 2,5% betragen hatte, konnte ihren Anteil auf 20% im Jahre 1920 steigern, 1913 lebten 2/3 der Bevölkerung in München von der Industrie. Die Bevölkerung stieg um ca. 1,4 Millionen Einwohner zwischen 1886 und 1912. Die Industrialisierung und die Technisierung, die in Bayern aufgrund der nicht vorhandenen Rohstoffe erst spät einsetzten, bestimmten mehr und mehr auch das tägliche Leben. So begann die Elektrizität Einzug zu halten, erste Kinos öffneten, die Straßenbahnen wurden elektrifiziert und das Schienennetz wurde ausgebaut. Durch die Einführung der 6-Tage Woche erhielten die Menschen mehr Freizeit,  die sie auch entsprechend nutzten. Luitpold selbst, obwohl Förderer, hatte ein ambivalentes, ja distanziertes Verhältnis zur Technik. So sorgte er einerseits dafür, dass Hohenschwangau elektrifiziert, oder dass auf dem Königsee der Schiffsverkehr mit elektrisch betriebenen Schiffen aufgenommen wurde. Auf der anderen Seite standen zeitlebens auf seinem Schreibtisch immer fünf Kerzen. Große Wissenschaftler, wie Nußbaum, Sauerbruch oder Pettenkofer wirkten in München.

„München leuchtete“, so schrieb Thomas Mann 1902 in seiner Novelle „Gladius Dei“, und dieser schwärmerische Satz war der Einstieg in den letzen Abschnitt mit dem Thema „Kunst und Kultur in der Zeit Prinzregent Luitpolds“. Zahllose Künstler, wie Kandinsky, Gabriele Münther oder Paul Klee wirkten in München. Luitpold war ein Förderer und Sammler, er sah es als seine Pflicht, den Zeitgeist zu konservieren. Literaten, wie Thomas Mann, Paul Heyse (Literatur Nobelpreis 1910) oder Ludwig Thoma lebten und arbeiteten in München. In Schwabing entstand die „Münchner Bohème“, der „Simplizissimus“ wurde als Sprachrohr für die Kritik an den Regierenden gegründet. 1896 erschien die erste Ausgabe der Münchner illustrierten Wochenschrift für Kunst und Leben, deren Name „Jugend“ namensgebend für den Jugendstil war.

4-generationenPrinzregent Luitpold starb am 12. Dezember 1912. War sein Tod der Anfang vom Untergang der Monarchie, oder deren Höhepunkt? Begann die Endzeit oder nur ein Umbruch? Signalisierte sein Tod das Ende der „guten, alten Zeit“? Der schon am Horizont heraufziehende Weltkrieg lässt diesen Schluss zu. Die Industrialisierung und die Technisierung, die Blüte von Literatur und Kunst in Bayern, der steigende Wohlstand und auch der gesellschaftliche Umbruch sind jedoch weniger der Person Luitpold sondern mehr der Zeit und ihren Umständen geschuldet, wurden aber sicher durch die Person Luitpold wenn schon nicht herbeigeführt, so doch begünstigt. (Das letzte Bild zeigt vier Generationen im Bayrischen Herrscherhaus).

Nach einer regen Diskussion schloss Herr Dr. Feldmann um ca. 21 Uhr die Veranstaltung, nachdem er sich bei Herrn Scherrer für seinen sehr informativen und fundierten Vortrag bedankt hatte.

Die am Ende des Vortrags durchgeführte Sammelaktion erbrachte € 210. Vielen Dank allen Spendern.